Wirtschaft als Schulfach – einem Fach auf der Spur

Wirtschaft als Schulfach – einem Fach auf der Spur

Ähnlich heterogen wie die Bildungslandschaft in Deutschland ist die Situation des Schulfaches „Wirtschaft“ an deutschen Schulen. Und eigentlich noch viel heterogener.

Nein, niemand kann wirklich behaupten, dass das Thema der ökonomischen Grundbildung an deutschen Schulen nicht stattfindet. Hinter Fächernamen wie Verbraucherbildung oder WuV (Wirtschaft und Verwaltung), Arbeitslehre oder Wirtschaft und Berufs- und Studienorientierung – um nur einige Beispiele zu nennen – verbirgt sich die Vermittlung von praktischen und theoretischen Inhalten der Ökonomie an deutschen Schulen. Fast 30 verschiedene Bezeichnungen und starke ideologische Kämpfe um die Lehrinhalte gibt es, betont Hans Kaminski, Direktor des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg.

Wirtschaft für alle Schülerinnen und Schüler – zumeist Fehlanzeige

Wie kann die Situation der ökonomischen Grundbildung als Schulfach beschrieben werden? Findet sie flächendeckend und schulformübergreifend statt? Kurz und knapp: leider nein. Mit Ausnahmen einiger Bundesländer erhalten die Schülerinnen und Schüler in Deutschland kaum ausreichenden Wirtschaftsunterricht bzw. nur wenig solides Grundwissen in Sachen Finanzen und Ökonomie. Zudem findet sich zumeist kein verbindlich klar definierter Platz in den Stundenplänen für Wirtschaftsthemen – und daher sind auch entsprechend ausgebildete Lehrkräfte rar. Denn ohne klar definiertes Fach existiert kein Studienfach an den Hochschulen – eine logische Konsequenz. Wo aber findet sich ein eigenständiges flächendeckendes Schulfach Wirtschaft oder Angebot für alle Schulformen?

Baden-Württemberg als Vorreiter?

Tatsächlich hat Baden-Württemberg eine viel beachtete Vorreiterrolle übernommen, denn zum Schuljahr 2016/2017 wurde an allen allgemeinbildenden Schulen ab Klasse 7 (Gymnasium ab Klasse 8) das neue Pflichtfach „Wirtschaft, Berufs-und Studienorientierung“ (Bildungsplan Sekundarstufe 1) eingeführt. Das Ziel des Faches ist klar definiert und wird in den prozessbezogenen Kompetenzen zugrunde gelegt. Die Schülerinnen und Schüler sollen wirtschaftliche Wirkungszusammenhänge und Funktionsweisen analysieren und beurteilen können, um daraus Handlungsoptionen abzuleiten. Doch ist das wirklich neu? Wie ist die Situation in anderen Bundesländern?

Blick in die Bundesländer

Das Fach Wirtschaft wird in Niedersachsen schon seit Jahren zum Beispiel in den Realschulen sowie in der Sekundarstufe II unterrichtet. Auch in Bayern finden wir am Gymnasium das Fach Wirtschaft und Recht. Unter gleichem Namen werden an Thüringens Gymnasien die Schülerinnen und Schüler unterrichtet und auch an den Gymnasien Mecklenburg-Vorpommerns findet das Fach Wirtschaft statt – allerdings erst in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe. Und im größten Flächenland der Bundesrepublik? Die neue Regierung NRWs hat im Koalitionsvertrag vereinbart, den Weg Baden-Württembergs einzuschlagen und ein verpflichtendes Schulfach Wirtschaft an allen weiterführenden Schulen einzuführen. Doch mit dem Start des neuen Fachs ist sicher nicht vor dem Schuljahr 2019/2020 zu rechnen, denn zunächst einmal muss die grundsätzliche Lehrplanarbeit begonnen werden.

Wirtschaft als klar definiertes Schulfach bleibt die Ausnahme

Der Weg Baden-Württembergs, die flächendeckende und vor allem einheitliche Einführung des Faches, ist bisher die Ausnahme. Das Schulfach Wirtschaft hat es weiterhin schwer in Deutschland – und der Weg von den Mischfächern AWT, WuV und wie sie allen auch heißen mögen, zu einem klar definierten Fach ist noch weit. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Diskussionen um das Schulfach Wirtschaft entwickeln werden. Sicher aber ist, dass es den Schülerinnen und Schülern aller Schulformen zu wünschen wäre, dass sie an ihrer Schule grundlegende ökonomische Kompetenzen erwerben könnten.

Jörg Schmidt